Loveparade

Rund um Deutschland

Loveparade

Neuer Beitragvon Zauberin » 25.07.2010, 18:15

Absolut schrecklich! Ich bin tief erschüttert.
Kopfschüttelnd habe ich heute die Pressekonferenz verfolgt. Ich kann ja verstehen, dass man vieles noch nicht genau weiß, dass vieles erst noch genau untersucht werden muss. Aber fast jede Frage mit dem Hinweis auf staatsanwaltschaftliche Untersuchungen abzubügeln, zeigt, dass das Krisenmanagement offenbar genauso schlecht ist, wie das Sicherheitskonzept.

Journalisten werden wieder wie lästige Fliegen behandelt, die die Arbeit nur behindern. Die offenen Mikrofone einiger Sender ließen bei entsprechenden Fragen im Podium untereinander zugezischte Sätze wie "Nicht beantworten", "Nicht bestätigen" hören. Was soll das? Dass die Öffentlichkeit hier Antworten fordert, ist verständlich und legitim.

Wenn man etwas noch nicht weiß, soll man das sagen. Und was man weiß, muss gesagt werden. Aber bei dieser Vorgehensweise kommen nur völlig unnötige Verdachtsmomente auf, die der Sache wirklich nicht dienlich ist.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon jkakit » 25.07.2010, 20:23

Es ist wirklich schlimm, was da passiert ist. Besonders bitter finde ich, daß man es - meiner Meinung nach - hätte vermeiden können. Ein Fest dieser Größenordnung birgt immer seine Gefahren. Man weiß in einer solch großen Menschenmenge teilweise nicht, was ein paar Meter weiter passiert. Ich habe mal in Berlin bei einem Fest in der dichten Menge gestanden. Plötzlich wurde von einer Seite aus Druck ausgeübt. Wir wurden auf der anderen Seite rausgedrückt. Dort war Platz, es war auf der Straße des 17.Juni (Fanmeile). Es gab dort keine Zäune und man konnte auf die freien Flächen ausweichen. Der 'gute' Platz war erstmal weg, aber man war gesund und munter. Hätte es dort unüberwindbare Begrenzungen gegeben, wäre etwas ähnliches wie gestern in Duisburg passiert. Es darf bei einer solchen Menge keine Einschränkungen geben.

Fast zynisch in diesem Zusammenhang klang die in der PK getätigte Aussage, daß man mit den Absperrungen die Besucher vor der Autobahn und den Bahngleisen schützen wollte. Spätestens da hätte es bei der Planung doch klar werden müssen, daß der Ort ungeeignet ist für solch ein Fest.

In der Pressekonferenz zeichnete sich ab, daß die einzelnen Verantwortlichen schon in dem Stadium sind, die eigene Haut zu retten, indem man auf die Verantwortlickeit anderer verweist. Das könnte sich in den nächsten Tagen fortsetzen und sehr aufschlußreich sein. In jedem Falle zeigt es auch, daß es offensichtlich keinen Gesamtverantwortlichen gibt. Und das kann des Pudels Kern sein. Denn wer hätte dafür im voraus die Verantwortung übernommen? In diesem Zusammenhang muß man aber fast Verständnis für das Ausweichen und das Verweisen auf ein laufendes Verfahren haben.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Durruti » 25.07.2010, 22:02

Es gibt eigentlich keine Worte für das, was in Duisburg passiert ist. Keine(r) von uns hat eine entsprechende Schublade, in die eine solche Tragödie einzusortieren wäre: zu viele Fragen ergeben sich und zu wenige Antworten kann man - zumächst sich selbst - geben. Wäre nichts passiert, hätte niemand auch nur einen Gedanken an eventuelle Sicherheitsmängel verschwendet. Es ist immer alles gut, solange alles gut geht. Hätte Duisburg die Ausrichtung der Love Parade abgelehnt, hätten die meisten über kleinkarierte Bürokratie geschimpft - wie im Falle Bochum letztes Jahr geschehen... Wahrscheinlich wäre auch diesmal alles gut gegangen (trotz aller jetzt erkannten Sicherheitsmängel), wäre nicht dieser Tunnel abgesperrt worden. Das war die eigentliche Ursache der Katastrophe und ich möchte wissen, wer eine solche Maßnahme anordnet, bei der ein Nadelöhr zur Sackgasse und damit zur tödlichen Falle wird. Das war an Dilettantismus nicht zu überbieten und hat 19 Menschen das Leben gekostet! Auch, wenn es nicht das Gedränge im Tunnel selbst war, das ursächlich zum Tod dieser Menschen führte, so war es anscheinend die unmittelbare Folge dieser Maßnahme, die Viele dazu animierte, in ihrer Panik über diese Behelfstreppe und irgendwelche andere Klettermöglichkeiten der bedrohlichen Situation im Tunnel zu entfliehen.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon brutus » 26.07.2010, 00:51

Auch wenn es sich banal anhört:
Bei dieser massiven Menschenansammlung kann man eigentlich froh sein, dass nicht "noch mehr" passiert ist.
Menschenansammlungen in Unterführungen oder Tunneln bilden immer eine Gefahr, selbst dann, wenn der Raum
ausreichend "dimensioniert" ist.

Nachdem ich zweimal am S-Bahnhof Stadion in der Unterführung zum Ausgang längere Zeit eingekeilt verbringen
musste, weil am Ausgang bereits zahllose sogenannte "Fans" intensivst polizeilich untersucht wurden habe ich
mich damals schon gefragt, was passieren würde, wenn aus welchen Gründen auch immer dort eine Panik aus-
bräche.

Die Untersuchungen werden vielleicht Planungsfehler und auch Verantwortliche ermitteln.
Die Verantwortung des Einzelnen, sich nicht in ein solches Gedränge zu begeben, bleibt dennoch auch
erhalten.

Der S-Bahnhof Stadion ist für mich jedenfalls nach den gemachten Erfahrungen tabu.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Charly » 26.07.2010, 07:47

Eigentlich ist von Euch und von den Medien das Wichtigste zu dieser schrecklichen Tragödie gesagt worden. Mir fällt nur noch ein Vergleich ein: stellen wir uns doch eine u-förmige Röhre mit einem Fassungsvermögen von 0,5 Liter vor. Jetzt schütten wir von beiden Seiten jeweils 2 Liter Flüssigkeit in die Röhre. Was passiert, wenn das Fassungsvermögen der Röhre erreicht ist?
Ob Flüssigkeit im Modell oder eine Menschenansammlung, wenn es eng wird, suchen sich die überzähligen Massen eine Ausweichmöglichkeit. Existiert diese nicht oder ist versperrt, dann wundert es mich nicht, wie es dort in Duisburg geendet ist. Es sind definitiv Fehler gemacht worden. Denn Kommunikation in einer so großen Menschenansammlung kann nicht funktionieren. Oder haben die Verantwortlichen gehofft, dass ein freundlicher Aufruf nach dem Motto: "Du, geh doch mal bitte ein Stückchen zur Seite.", funktionieren würde?
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Anlieger » 26.07.2010, 10:29

Ich war selbst 1992 und 1993 auf der Love Pararde in Berlin. Damals noch mit vielleicht 100.000 Menschen und auf dem Ku'damm. Auch da war es schon eng und man wunderte sich, dass nicht mehr passiert ist. Es gab aber genug Platz zum Ausdehnen in die Seitenstrassen. Die After Party war dann auf einem ehemaligen Fliegerhost mit unendlich viel Platz. Es war sicherlich eines der einprägsamsten Partyerlebnisse, die ich jemals hatte. Mit Interesse habe ich in den Jahren danach die weitere Entwicklung der Love Parade beobachtet. Verzehnfachung der Teilnehmerzahl und unglaubliche Kommerzialisierung. Das war sicher nicht mehr die Love Parade, die ich noch kannte. Trotzdem war ich irgendwie froh, dass es die Veranstaltung immer noch gab. Bezüglich Duisburg bin ich absolut geschockt, wie man ein solch marodes und kleines Gelände für die Veranstaltung auswählen konnte, obwohl klar war, dass wieder >1 Mio Leute kommen würden. Nach dem Motto es wird schon gut gehen. Leider scheinen auch die Polizei völlig unvorbereitet gewesen zu sein. Zb kein Megafon vorhanden. All das ist an Fahrlässiggkeit nicht zu überbieten. Ich bin tief getroffen, wenn ich die Bilder der eingezäunten Raver sehe. Leider werden sie ein Riesentrauma davontragen, statt wie wir damals nur positive Erinnerungen. Es tut sehr weh und ich fühle mit den Angehörigen der Toten und Verletzen.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Winfried » 26.07.2010, 23:29

Tragisch eigentlich, dass die Ursache nicht nur die falsche Wahl des Ortes war, sondern das Menschen die schützende Polizeiabsperrung durchbrochen haben und damit nun Verantwortung für dieses Drama tragen. Bereits vor den Tunnels hatte die Polizei versucht weitere Besucher am zustömen zu hindern. Aber da jeder nur an sich denkt.....
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Charly » 27.07.2010, 09:29

Winfried hat geschrieben:Tragisch eigentlich, dass die Ursache nicht nur die falsche Wahl des Ortes war, sondern das Menschen die schützende Polizeiabsperrung durchbrochen haben und damit nun Verantwortung für dieses Drama tragen. Bereits vor den Tunnels hatte die Polizei versucht weitere Besucher am zustömen zu hindern. Aber da jeder nur an sich denkt.....


Da schwingt natürlich die Frage mit, inwieweit die Besucher eine Mitschuld an der Tragödie haben, falls/wenn sie sich nicht an Absperrungen oder andere Anweisungen der Sicherheitskräfte gehalten haben. Ich denke, diese Tragödie hat viele Ursachen: Stadtverantwortliche, die das Image ihrer Stadt aufpolieren wollten und dafür in Fragen der Sicherheit viele Augen zudrückten; ein Veranstalter, der die Großveranstaltung nach ausschließlich wirtschaftlichen Gesichtspunkten mit möglichst niedrigen Kosten organisieren wollte ; Sicherheitskräfte, die nicht wirklich sicherten; örtliche Polizei, die hoffnunglos überfordert war; Feuerwehren, die ihre Bedenken nur kleinlaut äußerten; Besucher, die heftigst abfeiern wollten nach dem Motto "Dance or Die" und dafür Absperrungen umgingen, usw. usw. Letztlich hatten alle Beteiligten ihre eigenen egoistischen Motive. Wäre es gut gegangen, wären alle Helden gewesen. Nun ist es aber nicht gut gegangen und alle rufen nach dem Schuldigen, den man am nächsten Laternenpfahl aufhängen kann. Das ist in meinen Augen zu kurz gegriffen, weil hier ein kollektives Versagen vorliegt. Nur hilft das den Opfern auch nicht mehr.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Anlieger » 27.07.2010, 10:00

Ich halte es für absolut fahrlässig und skandalös, bei der Planung davon auszugehen, dass sich eine solche Menschenmenge regelkonform benimmt, insbesondere wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind. Ganz im Gegenteil wurde ja sogar anscheinend eine überdurchschnittliche Regelkonformität der Raver unterstellt, da Fluchtwege kleiner als üblich bemessen wurden und auf eine Feuerwehrplanung gänzlich verzichtet wurde. Die Zuwege waren ausgelegt für eine Anzahl von Besuchern, von denen man von Anfang an wusste, dass es deutlich mehr sein würden. Mr McFit hat ja seine Mitglieder bis zur letzten Minute aufgefordert, ihm zu helfen, den Besucherrekord von 1.6 Mio zu knacken. Wenn jetzt die Verantwortlichen versuchen, den Opfern die Schuld zu geben, halte ich das für eine Frechheit und Verhöhnung. Dieses Verhalten ist nur ein weiteres Indiz für Feigheit und die Unfähigkeit, mit so einer Situation fertig zu werden.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Zauberin » 28.07.2010, 00:50

Nach der Obduktion der Toten steht nun fest, dass sie alle erdrückt worden sind und keiner durch die Folgen eines Sturzes verstorben ist. Der Duisburger OB sieht sich aufgrund dieser Erkenntnisse veranlasst, zu sagen, dass damit wohl bewiesen sei, dass das Unglück nicht am mangelnden Sicherheitskonzept gelegen habe.
Der gesunde Menschenverstand lässt diesbezüglich fragen: "Ja, woran denn sonst?"

Erst wollte man den verunglückten jungen Menschen unterstellen, dass sie insofern mindestens eine Teilschuld gehabt hätten, indem sie Treppen, Mauern und Böschungen hinauf geklettert - und dann abgestürzt und an diesen Folgen gestorben seien. Also - habe das nichts mit dem Sicherheitskonzept zu tun.
Nun ist bewiesen, dass sie erdrückt worden sind und eben nicht diejenigen zu Tode kamen, die gestürzt sind. Aber auch aufgrund dieser Erkenntnisse bezweifelt der OB sein offenbar mehr als fehlerhaftes Sicherheitskonzept nicht. Im Gegenteil. Egal welche Ursachen - am Sicherheitskonzept hat es nie gelegen. Mein Gott, wie arm...

Dieses Hin- und Herschieben der Verantwortlichkeiten ist unanständig, geschmacklos und ohne jegliches Rückgrat, wird aber sowieso nicht lange gut gehen. Durch die zahlreichen Handyaufnahmen ist der gesamte Vorgang bestens dokumentiert. Es wird ohnehin alles rauskommen.

Es ist schon klar, weshalb niemand klare Stellung bezieht und eindeutig sagt: "Ja, da habe ich/hat meine Behörde einen fatalen Fehler begangen, das haben wir völlig falsch eingeschätzt." Denn es geht hier nicht nur um rollende Köpfe und dahin schmelzende Posten, sondern natürlich auch um viel Geld. Schließlich sind neben den 20 Toten auch 500 Verletzte zu beklagen. Und da weist man angesichts massenhaft drohender Regressansprüche erst mal alle Schuld von sich.

Wird aber nichts nützen. Alles wird ermittelt werden. Zumal die Polizei, auf die nun auch gerne die Schuld geschoben wird, ein Interesse daran haben wird, alles en Detail aufzuklären. Insofern ist zu hoffen, dass diesbezüglich auch die Staatsanwaltschaft entsprechend mitmacht und kein "falscher" Druck auf sie ausgeübt wird. Gerade auch diesbezüglich können wir froh über die Macht der (seriösen) so oft gescholtenen Presse sein, die sich auch hier nicht einlullen lassen wird.

Letztlich geht es doch gar nicht darum, ob ein OB, ein Politiker, ein Polizeipräsident oder irgendjemand zurücktreten muss oder nicht und wie viel Geld eventuell gezahlt werden muss. Es geht allein darum, die Ursachen für dieses Unglück klar benennen zu können, damit so etwas nie wieder vorkommt.
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon betaversion » 28.07.2010, 01:40

Zauberin hat geschrieben:Letztlich geht es doch gar nicht darum, ob ein OB, ein Politiker, ein Polizeipräsident oder irgendjemand zurücktreten muss oder nicht und wie viel Geld eventuell gezahlt werden muss. Es geht allein darum, die Ursachen für dieses Unglück klar benennen zu können, damit so etwas nie wieder vorkommt.

Letztlich... würde ich gerne Deine Meinung teilen, bin aber doch ein wenig pessimistisch: Aus unserer Sicht, aus der Sicht der Öffentlichkeit, aus der Sicht von Politikern, Programmmanagern, Planern, Polizei etc. etc.: Ja, da geht es darum, aus den Fehlern zu lernen.
Aus der Sicht der im Moment im Kreuzfeuer stehenden Personen, Behörden und Unternehmen geht es um all das, was Du vorher geschrieben hast: Geld, Macht, Hände-Reinwaschen, Verantwortung-wegschieben usw. - diese Personen sind (aus Ihrer Sicht wohl auch verständlich) nur bedingt daran interessiert, daraus für die Zukunft zu lernen.

Edith sagt:
Die von vielen Betroffenen erhoffte Entschuldigung blieb aus. Juristisch ist das aus Expertensicht das einzig mögliche Verhalten, da sich die Betroffenen sonst versicherungsrechtlich oder strafrechtlich belasten könnten, erläuterte Ekkehart Schäfer, Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer der dpa in Berlin.
(http://www.faz.net/s/RubCCB49507459C498F8E6FA9E990486D14/Doc~E689A38FE503E4A64AC3CC23D0D23416C~ATpl~Ecommon~Sspezial.html)
You forget what you want to remember and you remember what you want to forget.
Father in Cormac McCarthy's 'The Road'
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Re: Loveparade

Neuer Beitragvon Charly » 28.07.2010, 12:23

Man muss sich mal vorstellen, welche Kräfte da wirken, wenn in einer Menschenmenge Brustkörbe zerquetscht werden. Das ist ein organisatorischer Fehler, wenn solche Situationen überhaupt entstehen können. Schrecklich!
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